"Möge der Herrgott dazu seinen Segen geben"

Allgemein


Hans-Jochen Vogel

Am Abend des 13. Februar hat das Kuratoriumsmitglied der Stiftung Dresdner Frauenkirche Hans-Jochen Vogel vor tausenden von Menschen eine eindrucksvolle Rede gehalten. Der ehemalige SPD-Vorsitzende machte deutlich: "Wer sich wahrhaft erinnern will, muss weiter zurückdenken. Er muss sich vergegenwärtigen, was das für ein Krieg war, in dem das geschah. ... Erinnern - so hat kein Geringerer als Gotthold Ephraim Lessing einmal geschrieben - heißt nämlich nicht, das Gedächtnis belasten, sondern den Verstand erleuchten. Erleuchten im Sinne eines „Nie wieder! Nicht noch einmal!“"

Rede
von Dr. Hans-Jochen Vogel
auf der Gedenkveranstaltung vor der Dresdner Frauenkirche am
13. Februar 2009, 19.00 Uhr

Wir sind vor einer Kirche zusammen gekommen, die wie kaum ein anderes Gotteshaus zum Frieden und zur Versöhnung mahnt. Die uns gerade deshalb auch immer wieder aufs Neue auffordert, uns zu erinnern. Zu erinnern an ihre Zerstörung, aber auch an ihren Wiederaufbau. Und an die Botschaft, die seitdem von der wiedererstandenen Frauenkirche ausgeht.

So wollen wir uns zunächst einmal auf die beiden Tage vor vierundsechzig Jahren besinnen, an denen die Dresdner Innenstadt und mit ihr die Frauenkirche zerstört wurden. Und an denen innerhalb weniger Stunden 35.000 Menschen in einem höllischen Feuersturm zugrunde gingen. In tiefer Trauer gedenken wir dieser Menschen. Und zwar gerade auch derer, deren Namen keiner mehr kennt. Denn die, derer niemand mehr gedenkt, sterben hier auf Erden einen zweiten und endgültigen Tod.
Aber das genügt nicht. Und es genügt auch nicht, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob der Angriff, dem sie zum Opfer fielen, zu diesem Zeitpunkt noch notwendig war. Wer sich wahrhaft erinnern will, muss weiter zurückdenken. Er muss sich vergegenwärtigen, was das für ein Krieg war, in dem das geschah. Dieser Krieg war kein Naturereignis und erst recht kein Verteidigungskrieg. Er war - so hat es der Bundestag im Mai 1997 in einer nahezu einstimmig verabschiedeten Entschließung formuliert - ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen. Ein Krieg, den das Regime noch fortsetzte, als die totale Niederlage bereits mit Händen zu greifen war. Der in Europa rund 40 Millionen Menschen das Leben kostete und in seiner Schlussphase auch auf unser Volk hart zurückschlug. Auch die deutsche Teilung war eine Folge dieses Krieges.
Erinnern sollten wir uns aber auch an die Ursachen, die dazu führten, dass das NS-Regime seine unumschränkte Herrschaft erst in unserem Land errichten und wenig später für einige Zeit fast über ganz Europa ausdehnen konnte. Die es auch möglich machten, dass in dieser Zeit Millionen von Juden dem Holocaust zum Opfer fielen. Denn das gehört auch zur Wahrheit. Und ebenso ist es wahr, dass es 1933 nicht mehr genug Deutsche gab, die sich für die Demokratie engagierten. Dass nur noch eine Minderheit für die Republik kämpfte.

Warum sollen wir uns an all das erinnern? Nicht um Schuldkomplexe zu konservieren. Schuld ist ein individueller Begriff, mit dem keiner konfrontiert werden kann, der damals noch gar nicht gelebt hat. Und auch nicht, um ein- oder zweimal im Jahr Betroffenheit zu bekunden. Nein - wir sollen uns erinnern, um uns und vor allem den Nachgeborenen immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, wo es endet, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, wenn Grundprinzipien des mitmenschlichen Zusammenlebens beiseite geworfen werden und wenn einem lange genug bejubelten Führer in gotteslästerlicher Weise Allmacht und Allwissenheit zugebilligt wird. Wer das weiß, wird sich stärker für das Gemeinwesen mitverantwortlich fühlen und neuerlichen Tendenzen und Parolen, die einen ähnlichen Geist erkennen lassen, mit größerer Entschiedenheit entgegentreten.

Schon morgen besteht dazu hier in Dresden aller Anlass. Denn es werden Rechtsextremisten aus ganz Europa in dieser Stadt zusammen kommen. Nicht, um für Frieden und Versöhnung einzutreten. Sondern um das Gedenken an den 13. Februar 1945 und in schändlicher Weise das Wort „Holocaust“ zu missbrauchen. Um nationalsozialistisches Gedankengut zu beleben. Um die Opfer des NS-Gewaltregimes zu beleidigen. Und um zu zeigen, dass sie sich anschicken, wieder die Straße zu beherrschen. So wie SA und SS das einst getan haben.

Da ist es gut, dass wir uns erinnern. Erinnern - so hat kein Geringerer als Gotthold Ephraim Lessing einmal geschrieben - heißt nämlich nicht, das Gedächtnis belasten, sondern den Verstand erleuchten. Erleuchten im Sinne eines „Nie wieder! Nicht noch einmal!“ Und es ist gut, dass offenbar viele Dresdnerinnen und Dresdner entschlossen sind, diesem „Nie wieder! Nicht noch einmal!“ morgen sichtbaren Ausdruck zu geben. Dadurch, dass sie eine weiße Rose tragen. Dass sie still vom Neumarkt zum Altmarkt ziehen. Und im besonderen dadurch, dass sie im „Gehen denken“ und vor der jüdischen Synagoge und dann auch auf dem Schlossplatz für ein Dresden demonstrieren wollen, das aus seiner Geschichte gelernt hat und in dem Extremisten nichts verloren haben. Gut wäre es, wenn dabei auch der demokratische Grundkonsens aller, die da protestieren, deutlich würde.

Erinnerung ist aber auch ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Versöhnung. Das Geschehen zu beschweigen, Unrecht und Schuld zu verdrängen birgt die Gefahr neuer Konflikte und Konfrontationen in sich. Wir Deutschen haben nach 1945 den Weg zur Versöhnung erst zögernd und dann mit wachsendem Bemühen beschritten. Das hat auch deshalb Früchte getragen, weil uns schon bald Menschen, denen schweres Leid zugefügt worden war, die Hand reichten. Die Begegnungen zwischen Coventry und Dresden, die schon in den frühen fünfziger Jahren begannen und aus denen dann im Laufe der Zeit eine enge Partnerschaft erwuchs, sind dafür ein Beispiel. Ein anderes Beispiel ist der Brief, den die katholischen Bischöfe Polens 1965 an ihre deutschen Kollegen richteten und in dem es an einer Stelle heißt: „In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu ihnen hin .......... gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“.

Versöhnung ist auch eine Voraussetzung für dauerhaften Frieden. Ohne Versöhnung könnten wir in Europa nicht seit über sechzig Jahren in Frieden leben. In einem Frieden, der für die Jüngeren so selbstverständlich geworden ist, wie für die früheren Generationen und auch noch für uns Ältere der Krieg selbstverständlich war. „Verleih’ uns Frieden gnädiglich .......“ haben wir gerade gesungen. Und er ist uns ja auch zuteil geworden. Aber wir müssen auch selber alles tun, um ihn zu bewahren und ihm auch dort zur Herrschaft zu verhelfen, wo statt seiner noch immer Krieg und Gewalt den Menschen bedrängt.
Ich sprach zu Beginn von der Botschaft, die von der Frauenkirche ausgeht. Sicher ist es eine mahnende Botschaft. Das habe ich zu erläutern versucht. Aber nicht minder ist es eine Botschaft der Hoffnung und der Zuversicht.

Schon vor 27 Jahren - da lag die Kirche noch in Trümmern - versammelten sich hier mehrere Hundert vorwiegend junger Menschen ohne staatliche Genehmigung mit brennenden Kerzen. Als Friedensgruppen sangen sie unter der biblischen Losung „Schwerter zu Pflugscharen“ den Kanon „Dona nobis pacem“ und brachten durch ihr unerschrockenes Auftreten die Staatsorgane in Verlegenheit. Drei Jahre später sprach 1985 an dieser Stelle der damalige Landesbischof Hempel von der innerdeutschen Grenze, die unser Land wie eine blutende Wunde durchziehe. Und die - so konnten die Zuhörerinnen und Zuhörer im Geiste hinzufügen - deshalb nicht dem Frieden diene. Und am 19. Dezember 1989 hielt Helmut Kohl vor der Ruine jene bedeutsame Rede, bei der die Anwesenden in Sprechchören die Devise „Wir sind das Volk“ durch die Devise „Wir sind ein Volk“ ersetzten. Zu Recht gilt diese spontane Willensbekundung als ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur deutschen Einheit. Und er wurde hier in Dresden getan.
Das ist eine Kette von Ereignissen, die allein schon Freude und Zuversicht aufkommen lässt.

Zuversicht und Freude empfindet aber wohl auch jeder, der sich ins Gedächtnis ruft, wie der Entschluss zur Wiedererrichtung der Kirche zustande kam und wie der Wiederaufbau vor sich ging. Stammten die entscheidenden Impulse doch aus der Mitte der Gesellschaft. Und wurde der Bau doch zu fast zwei Dritteln aus freiwilligen Spenden finanziert, die nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Großbritannien, aus den USA und sogar aus Polen kamen. Zudem waren die Bauarbeiten eine Meisterleistung sondergleichen.

Bleibt die Kernbotschaft. Die lautet nicht nur für mich: Krieg, Zerstörung und massenhafter Tod sind nicht die letzte Antwort der Geschichte. Der Wille zum Frieden und zur Versöhnung ist stärker als Feindschaft und Hass. Und: Die Welt kann zum Besseren verändert werden. Wesentlich ist für mich dabei auch, dass diese Botschaft von einer Kirche ausgeht - also von einem Ort des Glaubens, der Besinnung und der Hoffnung.
Für all das empfinde ich tiefe Dankbarkeit denen gegenüber, die diese Botschaft möglich gemacht haben. Aber auch dem Schicksal - ich persönlich sage dem Herrgott - gegenüber. Diese Dankbarkeit reicht aber viel weiter. Wenn uns 1945 in der Gefangenschaft einer vorausgesagt hätte: In der alten Bundesrepublik werdet Ihr eure Städte in zehn Jahren wieder aufgebaut haben, ihr werdet zehn Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge integrieren, ohne dass es zu gewaltigen Eruptionen kommt, eure Wirtschaft wird lange Zeit beständig wachsen und euch aus dem Elend der Nachkriegszeit herausführen, ihr werdet trotz aller Verbrechen des NS-Gewaltregimes wieder in der Völkerfamilie euren Platz finden. Auch werdet ihr in Frieden leben. Und vor allem: Gerade in der DDR wird der Wille zur Einheit und zur Freiheit nicht erlöschen. Vielmehr wird fünfundvierzig Jahre nach dem Kriege erstmals auf deutschen Boden eine friedliche demokratische Revolution Erfolg haben. Wenn uns das alles damals einer prophezeit hätte - wir hätten es ihm nicht geglaubt, wir hätten ihn für verrückt gehalten.

Aber es ist Wirklichkeit geworden. Daraus schöpfe ich die Zuversicht: Wir können auch die Herausforderungen bewältigen, die sich uns heute stellen. Wenn - ja wenn wir nicht mürrisch beiseite stehen, sondern uns engagieren und auf die Botschaft hören, die von dieser Kirche ausgeht. Möge der Herrgott dazu seinen Segen geben!
 
 

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