(c) DGB, 1956 "Samstags gehört Vati mir" fordert auf einem DGB-Plakat zum 1. Mai von 1956 ein kleiner Junge. In seinem Aktionsprogramm von 1955 forderte der DGB damals unter anderem die Einführung der 5-Tage-Woche. Ein alter Hut, könnte man denken. Doch gerade in den letzten Tagen ist die Diskussion wieder entflammt - wie viel Freiheit soll die Wirtschaft haben? Und wie viel Schutz brauchen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer?
Der Dresdner Stadtrat hat in seiner letzten Sitzung in diesem Jahr die verkaufsoffenen Sonntage für das nächste Jahr gekippt, mit äußerst knapper Mehrheit. Auf Antrag der SPD-Fraktion. Den Stadträten ging es dabei nicht darum, den Leuten vorzuschreiben, was sie Sonntags tun sollen und was nicht. Ein verkaufsoffener Sonntag mag dem Handel nutzen. Doch hier wird Umsatz gemacht auf dem Rücken der Verkäuferinnen und Verkäufer. Die können sich nämlich nicht aussuchen, ob sie am Sonntag arbeiten gehen wollen oder nicht. Und auch die kleinen Einzelhandelsgeschäfte haben in dieser Frage keine Wahl, wenn sie gegen große Ketten bestehen wollen.
Man muss keine religiösen Gründe bemühen, um den ruhenden Sonntag zu rechtfertigen: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.", so heißt es im Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung, der Eingang in das Grundgesetz gefunden hat. Und das aus gutem Grund. Denn das Leben ist mehr als Arbeit, Kaufen und Besitzen. Der Sonntag gehört der Familie. Er gibt Kraft für die neue Woche, er ist ein freier Tag für (fast) die ganze Gesellschaft - ein Tag, an dem man eben auch nichts verpasst und nichts falsch macht, wenn man sich allein sich selbst und seinen Lieben widmet. Das soll so bleiben, meinen wir.
Dass sich der Stadtrat mit ganz knapper Mehrheit dazu entschieden hat, im nächsten Jahr die Sonntage zu schützen, ist gut. Versuchen wir es wenigstens ein Mal, den vermeintlichen Zwängen der Zeit und des Kommerzes dieses Zeichen entgegen zu stellen. "Der Mensch ist frei geboren und dennoch liegt er überall in Ketten", formulierte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Und es sind nicht die Ketten staatlicher Ordnung und Regeln, die Rousseau im Sinne hatte, als er dies schrieb. "Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will", erklärt Rousseau. Das Sich-unabhängig-Machen von vermeintlichen Notwendigkeiten, das war es, was Rousseau im Sinn hatte.
Der Stadtrat hat mit seiner Entscheidung für die Freiheit gestimmt - für die Freiheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dass das gelungen ist, ist in einer Zeit wie dieser doch erstaunlich. Und es blieb nicht die einzige erstaunliche Entscheidung des Rats. Einen Rückblick auf die Sitzungstage lesen Sie auf den Seiten der Stadtratsfraktion.